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Wissenskampagne Gesunder Schlaf

Schlafmedikamente bei Helios auf dem Prüfstand

Im Ergebnis einer Evaluierung werden bei Helios aktuell weniger Schlafmedikamente angewendet und die Dosierungen angepasst. In Erfurt und Krefeld wurde die neue Liste bereits mit Erfolg umgesetzt. Wir sprachen mit zwei Experten.

In einer Evaluation haben Helios Apotheker die Nutzung von Schlafmedikamenten in den Helios Kliniken überprüft. Ergebnis: Die Verschreibung von Benzodiazepinen erfolgt sehr unterschiedlich und ist relativ hoch. Jetzt wurde die Liste der möglichen Schlafmedikamente, die Ärzte bei Helios ausgeben können, deutlich verkleinert und auch die Dosierungen angepasst. An den Standorten Erfurt und Krefeld wurde die neue Liste bereits mit Erfolg umgesetzt. Wir sprachen dazu mit Dr. Dominic Fenske, Leiter des Zentralen Dienstes Apotheken bei Helios und Prof. Dr. Petra Thürmann, Pharmakologin und Ärztliche Direktorin des Helios Klinikums Wuppertal.

Dr. Dominic Fenske, Leiter des Zentralen Dienstes Apotheken bei Helios und Prof. Dr. Petra Thürmann, Pharmakologin und Ärztliche Direktorin des Helios Klinikums Wuppertal.

Anlässlich der Aktionen rund um das Thema „Gesunder Schlaf“ bei Helios haben Sie die Schlafmittel genauer angeschaut, die Helios Ärzte ihren Patienten verordnen – was fiel Ihnen dabei auf?  

Fenske: Es werden sehr viele Benzodiazepine oder Z-Substanzen eingesetzt. Und das sehr unterschiedlich je nach Klinik. Auch gab es Unterschiede der präferierten Substanzen zwischen Ost und West. Bei manchen Kliniken ließen sich Vorlieben für bestimmte Medikamente erkennen. In anderen wurde quer Beet verordnet. Auch Substanzen, deren Einsatz eher fragwürdig ist. Systematisch war das nicht.

Thürmann: Das Ergebnis hat uns nicht überrascht. Es deckt sich mit Erkenntnissen aus der internationalen Fachliteratur. Überall wird zu viel und nicht besonders durchdacht verordnet. Das heißt aber nicht, dass wir das Problem nicht lösen sollten. Unser Ziel war und ist es, weniger dieser Substanzen zu verordnen.

Warum war es Ihnen wichtig, einige der Substanzen ganz aus dem Angebot zu nehmen?

Fenske: Uns war es wichtig, eine gewisse Systematik in den Flickenteppich zu bringen und eine rationale Auswahl zu treffen. Der Markt für Benzodiazepine ist sehr groß und es sind fast 20 verschiedene Präparate erhältlich. Davon haben so ziemlich alle ihren Weg in unsere Kliniken gefunden. Dabei war nicht immer eine Systematik erkennbar, wann welches Mittel verschrieben wurde. Auch gibt es noch immer die Vorstellung, dass so genannte Z-Substanzen besser sind, als Benzodiazepine. Diese wurden bei der Einführung damit vermarktet, dass sie nicht abhängig machen würden. Dies ist inzwischen widerlegt worden. Und auch andere Risiken sind bei diesen Substanzen gleich groß.

Welche Risiken meinen Sie hier?

Fenske: Benzodiazepine und Z-Substanzen haben zwar meist eine gute Wirkung beim Einschlafen, jedoch verbunden mit erheblichen Nachteilen. Ein wichtiges Problem ist, dass sie abhängig machen. Der Körper gewöhnt sich daran und die Patienten brauchen nach einer Weile immer höhere Dosierungen, um einschlafen zu können. Auch psychisch entsteht der Eindruck, dass man nicht mehr ohne sie schlafen kann. Daher müssen wir sehr verantwortungsvoll mit der Verschreibung umgehen. Denn schon nach einer Woche setzen diese Effekte ein.
Ein zweites Problem sind Nebenwirkungen die Patienten unsicher oder verwirrt machen können, wie bei einem „Hangover“. Unter anderem ist dadurch die Sturzgefahr erhöht. Hinzu kommen noch unterschiedliche Wirkungen der Präparate und natürlich Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Kurz – für die Patientensicherheit ist es besser, sich auf niedrige Dosierungen und wenige Präparate zu konzentrieren, deren Wirkungen genauer zu kennen und sie gezielt einzusetzen.

Thürmann: Nicht zu vergessen die schädlichen Wirkungen auf Leber und Nierenfunktion. Als Ergebnis unserer Evaluation haben wir eine reduzierte Liste der möglichen Schlafmedikamente aufgestellt, die Helios Apotheken führen sollten. Diese werden künftig nur noch in konsequent niedrigen Dosierungen angeboten und wirken kurz, mittel oder lang.

Braucht es nicht eine gewisse Vielfalt in diesem Bereich? Denn auch die Gründe für Schlafstörungen und die Formen sind doch sehr verschieden.

Fenske: Bei bestimmten Krankheitsbildern und Patienten haben Benzodiazepine durchaus ihre Berechtigung. Deshalb haben wir unterschiedliche Präparate in den Listen belassen. Wenn beispielsweise psychische Erkrankungen, Ängste, schwere Krankheitsbetroffenheit oder Schmerzen die Patienten vom Schlafen abhalten und andere Mittel nicht helfen. Wichtig ist, sie nur über eine kurze Dauer zu verordnen und das richtige Präparat für das jeweilige Schlafproblem zu finden. Manche Patienten schlafen nur schlecht ein, kommen aber danach gut durch die Nacht. Diese brauchen andere Mittel als solche, die nachts immer wieder aufwachen. Daher können Helios Ärzte weiterhin aus unterschiedlichen Substanzen auswählen.

Thürmann: Wichtig war uns, nicht einfach eine Liste zu machen, sondern in unserem Papier auch Empfehlungen für den Einsatz und die Wirkweise der Präparate zu geben. Und das auch für Schlafmittel mit hormoneller Wirkung wie Melatonin oder pflanzliche Mittel wie Baldrian.

Braucht man denn überhaupt Medikamente zum Schlafen?

Thürmann: Insgesamt gilt, dass Schlafmedikamente und zumal „Benzodiazepine“ nicht das erste Mittel der Wahl sein sollten, wenn Patienten schlecht schlafen. Manche Patienten kommen mit ernsthaften Schlafproblemen in die Klinik. Andere sind einfach aufgeregt oder für sie ist es ungewohnt, ohne ihren Partner neben sich zu schlafen. Dafür brauchen wir eine gründliche Anamnese schon bei der Aufnahme wie bei anderen Medikamenten auch. Die Aufklärung unserer Ärzte und Mitarbeiter muss mit der unserer Patienten Hand in Hand gehen.

Fenske: In jedem Falle sollten Patienten tagsüber wach bleiben und nachts die Schlafumgebung gut gestalten. Wenn es dennoch schwer fällt, einzuschlafen, können pflanzliche Mittel gut wirken. Hierfür haben unsere Apotheken Baldrian als Wirkstoff an der Hand.

Ab wann gilt die reduzierte Liste? Und wo können sich Mitarbeiter informieren?

Thürmann: In Erfurt und Krefeld wird die Liste bereits erfolgreich angewendet. Die Hinweise der dortigen Kollegen haben wir bei der Erarbeitung einfließen lassen.

Fenske: Die neue Liste wurde den Fachgruppen und den Fachgruppenleitern vorgestellt. Die Apotheken werden jetzt nach und nach umstellen.

Die Apotheken setzen die neue Liste zeitnah um. Zur Aufklärung von Mitarbeitern und Ärzten liegen Infozettel vor.
Patienten erfahren mehr zum Thema im Internet unter www.helios-gesundheit.de/gesunderschlaf – und im Flyer „Schlafen Sie gut“ mit Tipps, was man selbst für einen gesunden Schlaf tun kann.

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