Regionen
Nachrichten aus Ihrer HELIOS Region.

Titelthema

Wer hat Angst vorm Kuckucksnest?

„Psycho“, „Das Schweigen der Lämmer“, „Einer flog über das Kuckucksnest“ – unser Bild von Psychiatrie und psychischen Erkrankungen ist wie bei kaum einem anderen Thema geprägt durch Filme und Medienberichterstattung. Doch haben diese Bilder etwas mit dem Alltag in einer Psychiatrie zu tun?
Foto: Canva

Psychiatrie und psychische Erkrankung im Film

Gibt man bei Google die Stichworte „Psychiatrie“ und „Film“ ein, wird einem als erstes eine Liste mit „Psychiatrie-Horror und -Thrillern“ angeboten. Dies liefert schon einen ersten guten Hinweis, welche Schwerpunkte bei der Darstellung von Psychiatrie im Film gelegt werden. Das Genre des „Psychofilms“ exisitiert nicht.
Doch die Erzählungen über Psychiatrie und psychische Erkrankungen sind so alt wie das Kino selbst. Erzählt wurde von Liebe, die krank macht, der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn („mad scientists“) und natürlich vom psychisch kranken Serien- oder Triebtäter. Psychiatrie wird meist als Ort beschrieben, der einem Gefängnis gleichkommt. Ärzte und Schwestern können an den ihnen hilflos ausgelieferten Patienten ihre sadistische Ader ausleben – wer erinnert sich nicht an die diktatorische Krankenschwester Miss Ratched aus „Einer flog über das Kuckucksnest“.
Die Behandlung der Patienten besteht meist aus sedierenden Medikamentengaben, Gummizelle und Elektroschocktherapie.

 

Stereotype Darstellung und die Folgen

Was hat all dies mit moderner Psychiatrie und der Behandlung von psychischen Erkrankungen zu tun? Wenig bis gar nichts!

So unterhaltsam diese Darstellung auch sein mag, sie hat Nebenwirkungen: Denn bis heute sind Filme und Medienberichte die Hauptinformationsquelle für unser Bild von Psychiatrie und psychischen Erkrankungen.

In Deutschland leidet jeder vierte zumindest zeitweise an einer psychischen Erkrankung; sie sind die zweithäufigste Ursache für Fehltage am Arbeitsplatz und die häufigste für Frühverrentungen.

Prof. Dr. Andreas Broocks, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in den Helios Kliniken Schwerin und Leiter der Fachgruppe Psychiatrie bei Helios

Wenn Psychiatrie dann in den Medien als versagende Institution dargestellt wird, kann dies ernste Folgen haben. Prof. Dr. Andreas Broocks, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in den Helios Kliniken Schwerin und Leiter der Fachgruppe Psychiatrie bei Helios, sagt: „Das Bild, das in manchen Filmen vermittelt wird, hat nichts mit moderner Psychiatrie zu tun.

Im Grunde schaden solche Filme, indem sie Betroffene davon abhalten, rechtzeitig psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Solche Darstellungen haben das öffentliche Bild der Psychiatrie sehr negativ geprägt und bestimmte Erkrankungen stigmatisiert.“


Darstellung von psychischen Erkrankungen in den Medien – die Betroffenen als Straftäter

Auch die tagesaktuellen Medien greifen gerne auf Stereotype zurück, wenn sie im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen berichten. Besonders hartnäckig hält sich das Bild des gewalttätigen psychisch Kranken.
Nach dem Terroranschlag im südfranzösischen Nizza, bei dem ein Mann einen LKW in eine fröhlich feiernde Menschenmenge gesteuert hat, wurde in manchen Medien sofort über eine psychische Erkrankung des Täters spekuliert – obwohl zu diesem Zeitpunkt noch so gut wie keine Informationen über den Mann bekannt waren.
Bei dem mutmaßlich absichtlich vom Piloten herbeigeführten Absturz der Germanwings-Maschine im März 2015 wurde bekannt, dass der Pilot angeblich an Depressionen gelitten haben soll. Ein Magazin forderte daraufhin ein Berufsverbot für Menschen mit Depressionen – obwohl eine solch aggressive Tat allem widerspricht, was wir über das Krankheitsbild „Depression“ wissen.


Die Sensation: Suizide von Prominenten

Besondere Sensibilität sollten die Medien bei der Berichterstattung über Suizide haben – eigentlich, denn in der Realität ist das oft nicht der Fall.
Im Fall des Fußballers Robert Enke, der sich im Jahr 2009 das Leben nahm, wurde wochenlang ausführlich über das Thema berichtet, inklusive Nennung des Orts und der detaillierten Beschreibung der Tat.
Der Medienjournalist Stefan Niggemeier schrieb damals auf seinem Blog, der Preis für diese Art der sensationellen Berichterstattung ließe sich später „in Menschenleben zählen“. Er sollte Recht behalten. Allein im Folgemonat stieg die Zahl der Selbsttötungen um das Vierfache an.

Das Phänomen, das ausführlich beschriebene Selbsttötungen Menschen dazu bringen, diese nachzuahmen, nennen Psychologen – nach dem berühmten Roman von Johann Wolfgang von Goethe – „Werther-Effekt“.


Wie geht es anders?

Da Journalismus für die meisten Menschen die einzige Informationsquelle über psychische Erkrankungen und Behandlungsmethoden darstellt, sind Stereotype hier besonders wirkmächtig.
Der Film ist eine Kunstform, dem wir gerne alle künstlerische Freiheit zugestehen, auch wenn die Darstellung mit der Realität nicht mehr viel gemein hat. Die tagesaktuellen Medien haben mit ihrer Aufgabe, möglichst differenziert und objektiv zu informieren, eine andere Verantwortung.


So gibt es inzwischen verschiedene Leitfäden zur Berichterstattung über Suizide und psychische Erkrankungen. Mehr und mehr Formate lassen die Betroffenen selbst zu Wort kommen anstatt nur über sie zu sprechen. Beispiele für einen gelingenden Alltag mit einer psychischen Erkrankung oder darüber, dass ihnen in einer Psychiatrie wirklich geholfen werden kann, können Betroffenen Mut machen und helfen, das Bild vom „gefährlichen Gewalttäter“ in eine realistischere Perspektive zu rücken.

Auch die Produzenten von unterhaltenden Formaten haben die Dringlichkeit des Themas erkannt: Für die Entwicklung einer Figur der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, die an Bulimie leidet, haben sich die Drehbuchautoren Unterstützung durch eine Beratungsstelle für Essstörungen geholt. Die Darstellung beschönigt und dramatisiert nicht – mit der Folge, dass viele junge Frauen an die Redaktion schreiben, dass sie sich, angeregt durch die Figur, selbst professionelle Hilfe gesucht haben.

Fazit:

Die Sensibilität bei dem Thema wächst. Gerade bei tagesaktuellen Themen bleibt es eine Herausforderung, das Maß zu finden zwischen der Pflicht zur umfassenden Information und einer ausgewogenen Darstellung. Aber die Erkenntnis setzt sich langsam durch, dass eine Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen keinem von uns hilft – denn jeden kann es zeitweise treffen.

zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren:

Hingeschaut

Gehirn aus dem Gleichgewicht – wie moderne Psychiatrie hilft

„Das Bild, das in manchen Filmen vermittelt wird, hat nichts mit moderner Psychiatrie zu tun“, sagt Psychiater Prof. Dr. Andreas Broocks und beschreibt, was Psychiatrie stattdessen ausmacht: Verfahren und Therapien, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist. mehr...