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Weniger ist mehr – etwa auch im Krankenhaus?

Der Ruf nach mehr Intensivbetten ist groß. Doch: Nicht immer liegen auf den Intensivstationen Patienten, die von der dortigen Therapie profitieren. Ein genauer Blick lohnt.
Ralf Kuhlen ist HELIOS Geschäftsführer Medizin. Foto: Thomas Oberländer

Vermutlich vergeht kaum ein Tag in unseren Krankenhäusern, an dem nicht zig Telefonate geführt werden, um freie Betten zu finden – allemal, wenn es hierbei um ein Bett auf der Intensivstation geht. Und so ist es dann keine Seltenheit, dass Patienten aus Mangel an einem Intensivbett nicht zeitgerecht aufgenommen werden können. Dass dies nicht gut sein kann, versteht sich eigentlich von selbst, und entsprechend gut belegen zahlreiche Studien das Risiko, welches mit der Verzögerung einer notwendigen Intensivbehandlung verbunden ist. Die Lösung des Problems liegt scheinbar auf der Hand: Wir brauchen mehr Intensivbetten – und das haben viele Häuser auch explizit so formuliert.

An sich logisch, wäre da nicht eine kleine, aber entscheidende Unstimmigkeit: Im internationalen Vergleich stehen schon heute in Deutschland so viele Krankenhausbetten wie in kaum einem anderen Land zur Verfügung und der Anteil an Intensivbetten landet immer auf den ersten Rängen – egal, ob man die Anzahl pro Einwohner oder pro Krankenhausbett rechnet. Macht es da wirklich Sinn, einfach immer mehr Betten zu bauen? Natürlich ist der Bedarf hoch – und definitiv höher als anderswo: Mit mehr als 23 Krankenhausaufnahmen pro 100 Einwohner und einer durchschnittlichen Liegedauer von 7,6 Tagen pro Jahr sind deutsche Krankenhäuser deutlich mehr frequentiert als andernorts. In Spanien zum Beispiel kommen im Jahr auf 100 Einwohner gerade mal elf Krankenhausfälle mit einer Liegedauer von sechs Tagen. In Skandinavien rangiert die Liegedauer quasi überall unter sechs Tagen. Bei der Inanspruchnahme von Intensivstationen ist Deutschland allerdings noch unangefochtener „Tabellenführer“ im internationalen Vergleich. Wären mit dieser Spitzenauslastung bessere Behandlungsergebnisse verbunden, würde das ja absolut Sinn machen – doch hierfür gibt es leider keinerlei Beleg.

Wir kommen also wohl nicht an dem Gedanken vorbei, dass auf unseren Intensivstationen Patienten liegen, die nicht wirklich von der Intensivtherapie profitieren, das Bett also eigentlich gar nicht benötigen – und es würde mich wundern, wenn nicht vielen Medizinern hierzu direkt so einiges einfallen würde. Ein Beispiel: Muss ein Patient nach einer komplikationslosen Darmoperation auf die Intensivstation? Bei uns lautet die Antwort wohl überwiegend „ja“, hat der Patient doch Drainagen und darf nichts zu sich nehmen, sodass der Flüssigkeitshaushalt der Überwachung bedarf. Allerdings gibt es seit vielen Jahren schon die gut belegte Erkenntnis, dass umgehender Kostaufbau nach der Operation und eine direkte Mobilisation noch am selben Tag – ermöglicht durch exzellente Schmerztherapie und eine entsprechende Aufklärung vor der Operation – zu weniger Komplikationen und einer schnelleren Genesung führen. In einem solchen Konzept gibt es keinen Grund für die postoperative Intensivstation. Natürlich gelingt das nicht immer und auch nicht bei jedem Patienten – aber eben viel häufiger, als wir es heute machen, wovon man sich durch kurze Reisen ins europäische Ausland unschwer überzeugen kann.

Statt einfach den Mehrbedarf an Intensivbetten durch Neubau zu decken, werden wir viel genauer hinschauen müssen, wie die Betten heute genutzt werden und wie sehr unsere Behandlung denn wirklich darauf ausgelegt ist, dass unsere Patienten so komplikationsarm und schnell wie möglich wieder auf die eigenen Beine kommen. Und ob wir wollen oder nicht – das Neuschaffen von Intensivbetten ist allein deshalb schon keine Option, weil es gar nicht so viele kompetente Pflegende und Ärzte auf dem Gebiet gibt, um den heutigen, geschweige denn zukünftigen Bedarf zu decken.

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