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Kleines Geriatrie-ABC

Stichwort: Betagte Patienten im Krankenhaus

Wie unterscheidet sich die Versorgung von älteren Patienten im Krankenhaus? Die wichtigsten Stichworte rund um die Pflege, Rehabilitation und medizinische Versorgung betagter Menschen im Überblick.
Foto: Thomas Oberländer

Fast jeder dritte Patient in deutschen Krankenhäusern ist über 70, fast jeder zehnte Patient über 80 Jahre alt. Betagte Menschen im Krankenhaus haben besondere Bedürfnisse. Häufig leiden sie an verschiedenen Erkrankungen gleichzeitig. Im Alter zeigen sich Krankheiten teilweise anders und sind daher oft schwerer zu diagnostizieren. Therapieerfolge treten oft verzögert ein. Was brauchen diese Patienten in der Medizin, der Pflege, der Rehabilitation und an sozialer Unterstützung? Wie stellt sich Helios auf diese Patientengruppe ein?

Stichwort: Pflege alter Menschen
Pflegedirektor Carl Poersch, Helios Klinikum Duisburg

Kommunikation ist ein wichtiges Stichwort bei der Pflege älterer Patienten. Sowohl mit den Patienten und Angehörigen als auch untereinander im Team. Für uns ist es beispielsweise sehr hilfreich zu erfahren, zu welchen Zeiten die Patienten zuhause aktiv sind und welche Rituale und Vorlieben sie haben. Eine gute Kommunikation hilft uns, Missverständnisse und am Ende auch falsche medizinische Schlussfolgerungen zu vermeiden. Wenn jemand zuhause am Abend oder nachts aktiv ist, wird er das auch in der Klinik sein.

Eine gute Kommunikation im Team ist ebenfalls wichtig. Dass ein Patient zum Beispiel sturzgefährdet ist, müssen alle Mitarbeiter des interdisziplinären Teams und auch seine Angehörigen wissen und verinnerlichen, vor allem auch der Patient selbst. Auch wenn es zur Sturzprophylaxe Schulungen gibt, ist es mir wichtig, von Zeit zu Zeit mit Kollegen über die Stationen oder in ein Patientenzimmer zu gehen und zu fragen: Was fällt euch auf? Wo seht ihr Gefahren? Am konkreten Fall lernt man es besser als in der Theorie. Diese Themen haben auch etwas damit zu tun, ob man es schafft, aus der Perspektive des alten Menschen zu denken und die Station und die Versorgung aus seiner Sicht zu betrachten.

Zudem haben wir in der Pflege eine wichtige Aufgabe bei der Beobachtung der Patienten – etwa um ein Delir frühzeitig zu bemerken. Wichtig ist, den Patienten morgens mit Augenkontakt zu begrüßen, ihn persönlich anzusprechen, zeitliche Ankerpunkte zu liefern. Etwa zu sagen: „Es ist heute Freitag, morgen beginnt das Wochenende“ oder „Es ist jetzt 9 Uhr am Morgen, Zeit für Ihre Medikamente …“ das hilft den Patienten, sich zurechtzufinden, und ermöglicht uns, Beobachtungen über ihren Zustand zu machen.

Interessant ist, wie unterschiedlich die Angehörigen auch je nach Herkunft und Kultur dabei unterstützen. Manchmal ist die ganze Familie eingebunden und immer ist jemand bei dem Patienten. Manchmal hat der Patient einen Sohn in Hamburg als einzigen Angehörigen, der am Wochenende für ein paar Stunden kommen kann. Auch hier liegt es mit an der Pflege, solche persönlichen Unterschiede einzubeziehen, manchmal auch aufzufangen und zu erkennen, ob weitere Hilfe etwa durch Sozialdienste benötigt wird.

Stichwort: Medizinische Versorgung alter Patienten

Dr. Thomas Zeile, Chefarzt der Klinik für Akutgeriatrie und Frührehabilitation in der Helios Johannes Klinik Duisburg und Leiter der Helios Fachgruppe Geriatrie:

Hochaltrige Patienten brauchen in erster Linie eine gute und umfassende Diagnostik. Wir nennen das „geriatrisches Assessment“ und ermitteln in vielen Tests wichtige Daten. Von den kognitiven und Selbsthilfefähigkeiten bis hin zur Standsicherheit oder der Gehgeschwindigkeit. Denn oftmals ist der Grund für den Klinikaufenthalt mit dahinterliegenden Problemen verbunden.

Denken Sie an einen Sturz und einen so entstandenen Schenkelhalsbruch. Wir müssen fragen: Was hat zu dem Sturz geführt? Liegt es an einer Gangstörung? An einem Mangelzustand? Gibt es Herz- oder Kreislaufprobleme? Eine Störung des Gleichgewichts durch einen Tumor ist denkbar. Dieses genaue Hinterfragen ist wichtig. Denn tun wir das nicht, setzen wir bei der Behandlung nicht an der Ursache an und der Patient könnte erneut stürzen.

Interessant sind Erkenntnisse aus der Forschung, die zunehmend in unsere Arbeit einfließen. Demnach gehen Forscher inzwischen bei vielen geriatrischen Patienten von Sarkopenie aus – dem Verlust von Muskelmasse und -kraft im Alter. So werden die Patienten oft kraftlos oder gangunsicher. Wir ermitteln daher inzwischen regelmäßig auch die Muskelkraft und planen nach Möglichkeit dort, wo die Muskelkraft schon abgenommen hat, Übungen zum Aufbau von Kraft und Koordination. Gangschulung, Fahrradergometer oder Tai Chi sind da sehr geeignet. Hierdurch können Stürze vermieden werden.

Ein zweiter Punkt, den ältere Patienten brauchen, ist ein gut abgestimmtes Behandlungsteam. Mediziner, aktivierende Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie und Psychologie gehören dazu. Und soziale Dienste, die sich von Beginn an mit der Lebenssituation und der Situation im Anschluss an die Akut- oder Rehabehandlung auseinandersetzen. Gemeinsam entstehen Therapiekonzepte auf Wochenbasis. Mich persönlich erfüllt diese Arbeit sehr – die Teamzusammenarbeit, das langfristige Patientenverhältnis und die medizinischen Herausforderungen angesichts der Breite des Aufgabengebietes sind schon etwas Besonderes.

Stichwort: Rehabilitation

Dr. Ramona Ullmann, Klinikgeschäftsführerin und Ärztliche Direktorin der Helios Klinik Berching und Mitglied des Medizinischen Beirats bei Helios:
 
Geriatrische Rehabilitation schließt sich im Allgemeinen sinnvoll an eine Akutbehandlung an, wenn der Patient zwar rehabilitationsfähig ist und damit nicht mehr die Mittel eines Akuthauses benötigt, aber wegen oft mehrfacher Einschränkungen weiterhin ein akutes Krankheitsproblem hat.

Ein Beispiel: Ein hochaltriger Patient hat eine beginnende Demenz und eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und ist deswegen nur eingeschränkt belastbar. Nun war er vielleicht gestürzt und hatte sich eine Fraktur zugezogen. Er benötigt zwar nach dem Krankenhausaufenthalt keine Akutmedizin mehr, aber er ist auch nicht mobil und „compliant“ genug, um nach Hause in seinen Singlehaushalt zurück zu kehren. Compliant bezeichnet dabei seinen Willen oder die Fähigkeit, ärztlichen Hinweisen und der Therapie selbständig Folge zu leisten – etwa Medikamente korrekt einzunehmen oder Übungen durchzuführen.

Die geriatrische Rehabilitation führt hier die in der Akutgeriatrie begonnen Maßnahmen fort und intensiviert sie. So können über 90 Prozent der Patienten nach einer Rehabilitation wieder in ihr gewohntes Umfeld (eventuell behindertengerecht umgestaltet) entlassen werden.

Das Problem der geriatrischen Rehabilitation ist die unzureichende Kostendeckung durch die Krankenkassen. Studien zeigen, dass geriatrische Rehabilitationsmaßnahmen sehr nachhaltig wirken und Patienten dauerhaft selbständig leben lassen. Der Grundsatz „Rehabilitation vor Pflege“ ist deshalb nicht nur medizinisch ein richtiger Ansatz, sondern auch wirtschaftlich. Patienten, die nach einem Sturz pflegebedürftig bleiben, verursachen einen deutlich höheren medizinischen und wirtschaftlichen Aufwand als Patienten, die wieder weitestgehend selbständig zuhause leben können. Durch enge Verzahnung akuter und rehabilitativer Medizin in der Geriatrie und allen anderen Fachrichtungen kann man „Reha vor Pflege“ durchaus gewährleisten.

Stichwort: Verweildauer im Krankenhaus

Prof. Dr. Hans Jürgen Heppner, Chefarzt der Geriatrischen Klinik und Tagesklinik im Helios Klinikum Schwelm, Lehrstuhlinhaber an der Universität Witten-Herdecke und Präsident elect der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie:

Ältere Patienten verweilen häufig deutlich länger im Krankenhaus als junge. Gründe dafür sind zum einen die Multimorbidität – also die Tatsache, dass die Patienten oft an einer Vielzahl von Erkrankungen gleichzeitig leiden. Zum anderen reagiert der Organismus aus unterschiedlichen Gründen im Alter langsamer auf Therapien.

Die lange Verweildauer kann zugleich ein Problem für Patienten sein. Denn bei fehlender Aktivierung verlieren sie nach zehn Tagen schon massiv an Muskelmasse. Deshalb sollten alte Patienten von Beginn an geriatrisch behandelt werden und aktivierende frührehabilitative Behandlungen mit berücksichtigt. Denn das Ziel ist immer die Entlassung in ein möglichst selbständiges Leben.

Leider gibt es auch Fälle, in denen die Geriatrie als Auffangbecken für ältere Patienten fungiert, die auf anderen Stationen nicht ideal auf die Behandlungen ansprechen. Das verlängert die Verweildauer unnötigerweise.

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