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Interview

Rasante Fortschritte in der Neurologie-Forschung

Deutlich mehr Lebensqualität und vermutlich sogar ein längeres Leben. Das stellen neue Entwicklungen in der Neurologie in Aussicht. Multiple Sklerose (MS), Parkinson und Schlaganfall, sind heute besser denn je zu diagnostizieren und zu behandeln. Priv.-Doz. Dr. Andreas Steinbrecher skizziert Trends und neue Therapien.
Priv.-Doz. Dr. Andreas Steinbrecher ist Chefarzt der Neurologie im Helios Klinikum Erfurt und Leiter der Helios Fachgruppe Neuromedizin.

Welche therapeutischen Fortschritte gibt es in der Neurologie?

Schlaganfälle sind inzwischen in Einzelfällen bis 24 Stunden nach den ersten Symptomen noch behandelbar, wenngleich weiter gilt, „Time is brain“. Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson haben den Ruf, unweigerlich fortzuschreiten. Doch mittlerweile können wir vieles auf- oder anhalten.
Bei MS-Patienten haben wir inzwischen die Qual der Wahl: Es gibt heute zwölf verschiedene zugelassene Medikamente, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, darunter erstmals ein Medikament für die schleichend fortschreitende MS. Medikamente und die immer früher eingesetzte Tiefenhirnstimulation mildern bei Parkinson- oder Tremorpatienten die Symptomatik: Die motorischen Symptome lassen sich reduzieren und verlorene Lebensqualität zurückgewinnen. Heilen können wir diese Erkrankungen bis heute nicht. Doch angesichts der rasanten Fortschritte in der Forschung bin ich sehr zuversichtlich.


Welchen Einfluss hat die Technik bei der Behandlung neurologischer Erkrankungen?

Telemedizinische Anwendungen werden in der Zukunft zunehmend auch bei chronischen Erkrankungen die Therapiesteuerung erleichtern. So können Apps auf dem Smartphone wechselnde Symptome im Alltag von Patienten mit Parkinson aufzeichnen. Mit Gefäßkathetern erreichen wir mittlerweile wenige Millimeter dicke
Blutgefäße im Gehirn und können diese behandeln. Bereits etabliert sind auch Verfahren wie die o.g. Tiefenhirnstimulation, die Neurostimulation zur Schmerzbehandlung oder die sogenannten „Tumor treating fields“, die Anwendung von elektrischen Feldern bei bestimmten bösartigen Hirntumoren.

In der Zukunft könnten auch  sogenannte Brain-Computer-Interfaces, also Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer, eine größere Rolle spielen. Die aufgezeichnete Gehirnaktivität bei sogenannten locked-in-Patienten auf der Intensivstation kann eine einfache Kommunikation ermöglichen.

Tragbare Warnsysteme könnten epileptische Anfälle ankündigen oder deren Entstehen unterdrücken. Weitgehend starre mechanische Handprothesen werden das Feld für intelligente Nachfolger räumen, die über unser Gehirn gesteuert werden und feinmotorisch agieren.


Allein im Helios Klinikum Erfurt werden jährlich mehr als 3.000 Patienten mit neurologischen Erkrankungen behandelt. Die Zahl steigt von Jahr zu Jahr. Neuentwicklungen haben ihren Preis. Wie wird garantiert, dass jeder Patient davon profitiert?

Grundsätzlich erhält jeder Patient die Therapie, die sinnvoll ist. Die neuen Möglichkeiten stellen uns Ärzte aber zugleich vor große Herausforderungen: Müssen wir immer alles machen, nur weil wir es machen können? Wie gehen wir mit Entscheidungen am Lebensende um? Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, denn das Schicksal jedes einzelnen Patienten ist höchst individuell. Die Rahmenbedingungen müssen allerdings in Politik und Gesellschaft ausgehandelt werden.

 

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