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Psychisch krank – psychisch gesund: Wer entscheidet das?

"Reiß dich zusammen." Oder: "Stell dich nicht so an." Solche Sätze bekommen Menschen häufig zu hören, die unter psychischen Beeinträchtigungen leiden. Ist das Ermessenssache? Darüber sprachen wir mit Priv.-Doz. Dr. Sebastian Rudolf.
So sehe ich das
Priv.-Doz. Dr. Sebastian Rudolf ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik und Ärztlicher Direktor im Helios Klinikum Schleswig.

Ist die Frage, ob Betroffene „nur eine schwierige Phase“ durchmachen oder ob tatsächlich tiefere psychische Ursachen vorliegen, also Ermessenssache?

Nein, das ist sie nicht! Wie bei anderen Erkrankungen gibt es in der Psychiatrie klare Definitionen für psychische Erkrankungen.
Detaillierte Klassifikationssysteme beschreiben Störungen und die damit verbundenen Symptome. Sie helfen somit zu unterscheiden, ob es sich um eine Störung handelt oder nicht (zum Beispiel bei Angststörungen).
Bei anderen Störungsbildern, wie den Depressionen, werden darüber hinaus Schweregrade festgelegt. Wir verfügen also über klare Entscheidungskriterien, ob eine Störung vorliegt oder nicht.

Wir kennen allerdings viele Symptome psychischer Störungen auch aus unserem gesunden „normalen“ psychischen Erleben.
So sind Gefühle unsere täglichen Begleiter – positive wie negative. Nehmen diese Gefühle aber eine bestimmte Intensität an, halten sie ungewöhnlich lange an oder wechseln sie sehr häufig, kann dies durchaus auf eine Störung hindeuten. Die Herausforderung ist es dann, mit dem Patienten gemeinsam herauszuarbeiten, was er selbst als Störung empfindet, was für ihn also einen „Krankheitswert“ hat.

Die meisten Menschen suchen von sich aus einen Psychiater auf, wenn sie oder Menschen in ihrem Umfeld Veränderungen in ihrem Verhalten feststellen. Viele können ihr Leben nicht mehr so leben, wie sie es möchten. Es kommt auch vor, dass Menschen die aufgetretene Veränderung selbst gar nicht als krank erkennen, zum Beispiel bei schizophrenen Störungen. Dann fühlt sich jemand verfolgt und erkennt nicht, dass es sich um eine Fehlfunktion des Gehirns handelt. Er lebt in einer eigenen Welt und muss durch Medikamente und weitere Unterstützung „zurückgeholt“ werden.

Für mein tägliches Arbeiten mit den Patienten gibt es ein entscheidendes Kriterium für die Unterscheidung psychisch krank oder gesund. Das ist die Frage: Wie sehr leidet der Mensch unter seinen Symptomen – jetzt und auch in Zukunft? Ist die Lebensqualität stark beeinträchtigt, spielt die Frage, ob gesund oder krank, im Grunde keine große Rolle mehr – dann gilt es, bei der Gesundung zu helfen. Bei Menschen, die ihre Symptome selbst jedoch nicht als krankhaft erleben, ist der gemeinsame Weg oft länger. Er kann darüber führen, die langfristigen Konsequenzen der Erkrankung aufzuzeigen und so die Basis für eine medikamentöse und/oder psychotherapeutische Behandlung zu schaffen.
Beides ist eine positive Herausforderung.

Ein Überblick

Depressionen, Angststörungen, Schizophrenien und Co.: Wer darunter leidet, dem stehen psychotherapeutische und pharmakologische Therapien zur Verfügung. Im klinischen Alltag werden sie oft kombiniert, aber auch separat eingesetzt.

Zwei Grundverfahren der Psychotherapie
In der Psychotherapie wird durch das Gespräch zwischen Patient und Therapeut die Symptomatik bearbeitet. Grundsätzlich stehen hier als Behandlungsmethoden verhaltenstherapeutische und tiefenpsychologische Verfahren zur Verfügung. 

Welche Rolle spielen Medikamente?
In der modernen Psychopharmakotherapie gibt es verschiedene verträgliche Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen, die individuell angewandt werden können.

Das Behandlungsteam zählt
Die Art der Therapie ist jedoch nur die eine Seite. Eine andere ist das Engagement der Psychiater und Psychotherapeuten und der zahlreichen weiteren an der Therapie beteiligten Berufsgruppen sowie die gute Zusammenarbeit mit dem Patienten. Damit steht und fällt der Behandlungserfolg.
 
Priv.-Doz. Dr. Sebastian Rudolf,  Helios Klinikum Schleswig

Mehr unter: www.heliosaktuell.de

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