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Gehirn aus dem Gleichgewicht – wie moderne Psychiatrie hilft

„Das Bild, das in manchen Filmen vermittelt wird, hat nichts mit moderner Psychiatrie zu tun“, sagt Psychiater Prof. Dr. Andreas Broocks und beschreibt, was Psychiatrie stattdessen ausmacht: Verfahren und Therapien, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist.
Prof. Dr. Andreas Broocks ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in den Helios Kliniken Schwerin und Leiter der Fachgruppe Psychiatrie bei Helios

Sie sind seit über 20 Jahren Psychiater und Psychotherapeut – was ist für Sie das Besondere an dieser Fachrichtung?

Wir arbeiten immer an der Schnittstelle zwischen somatischen Problemen, wie zum Beispiel einer Störung des Gehirnstoffwechsels, und einer „Metaebene“, auf der es um interpersonelle Konflikte, kognitive Störungen, Stressbelastungen und bei manchen Patienten auch um die Sinnfrage geht. Das ist sehr spannend!

Dabei müssen wir neurologische oder internistische Erkrankungen im Blick haben, durch die psychische Symptome hervorgerufen werden können.
Interessant ist auch das Behandlungsspektrum. Wir können mit biologischen Behandlungsverfahren bis hin zu modernen psychotherapeutischen Interventionen vielen Patienten helfen, die unter Depressionen, Psychosen, Angst oder Persönlichkeitsstörungen leiden.





Können Sie das an einem Beispiel klarmachen?

Nehmen Sie Patienten, die an einer Zwangsstörung leiden: Dies ist eine neurobiologisch bedingte Erkrankung, die durch Zwangshandlungen wie Kontroll- oder Waschzwang und Zwangsgedanken gekennzeichnet ist.
Verschiedene hirnmorphologische Auffälligkeiten, also Veränderungen in der Hirnstruktur, können heute dank der modernen bildgebenden Verfahren sichtbar gemacht werden. Die am besten wirksame Behandlung ist eine Verhaltenstherapie.
Dabei lernt der Patient, den Zwangsimpulsen nicht zu folgen, was zunächst starke Ängste auslöst. Unter therapeutischer Begleitung erfährt er, dass diese Ängste in der Regel innerhalb von ein bis zwei Stunden von allein abnehmen und dass befürchtete Konsequenzen gar nicht eintreten. Ergänzend gibt es wirksame psychopharmakologische Behandlungsmöglichkeiten.

Wann haben Sie ihre Faszination für das Fach entdeckt?

Schon während des Studiums habe ich mich für das Thema „Gehirn und Geist“ sehr interessiert – also für die Interaktion neurologischer Funktionen mit Gedanken, Überzeugungen und inneren Werten.  Nach dem Studium habe ich deshalb zunächst die neurologische und dann die psychiatrisch-psychotherapeutische Facharztweiterbildung absolviert. 

Für Außenstehende ist es schwer vorstellbar, wie die Behandlung der Patienten in einer psychiatrischen Klinik aussieht. Viele haben da Filme im Hinterkopf ... Das Bild, das in manchen Filmen vermittelt wird, hat nichts mit moderner Psychiatrie zu tun. Im Grunde schaden solche Filme, indem sie Betroffene davon abhalten, rechtzeitig psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Solche Darstellungen haben das öffentliche Bild der Psychiatrie sehr negativ geprägt und bestimmte Erkrankungen stigmatisiert.

Wie kann man sich die Behandlung in der Psychiatrie stattdessen vorstellen?

Was prägt das tatsächliche Bild? Wir arbeiten mit Verfahren und Therapien, deren Wirksamkeit für bestimmte Erkrankungen wissenschaftlich belegt ist.
Sowohl im Bereich der medikamentösen Behandlung als auch im Bereich der Psychotherapie hat es in den letzten 30 Jahren enorme Fortschritte gegeben. Ein Beispiel ist die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), die zur Behandlung von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt wurde.
Wie man heute weiß, ist sie auch für Patienten mit anderen psychischen und Verhaltensstörungen sehr hilfreich. An einigen unserer Kliniken und Abteilungen gibt es DBT-Stationen, auf denen das gesamte Team nach diesem Konzept arbeitet.

Eine dritte Säule unserer Behandlung besteht in den so genannten komplementären Therapien: dazu gehören zum Beispiel die Ergotherapie, die Musiktherapie und verschiedene Ansätze der Sport- und Bewegungstherapie - oder hier in Schwerin auch die tiergestützte Therapie.
Nach meiner Überzeugung hat man die Wirksamkeit dieser komplementären Therapieformen bisher unterschätzt. Für die Sport und Bewegungstherapie gibt es heute große kontrollierten Studien – und auch Metaanalysen – mithilfe derer signifikante und klinisch bedeutsame Wirkungen bei depressiven Erkrankungen, aber auch bei einer Reihe anderer psychischer Störungen nachgewiesen werden konnten.

Wie binden Sie Angehörige in die Behandlungen ein?

Gerade wenn es um Themen wie Stressbelastung, Konfliktbewältigung oder Ähnliches geht, ist die soziale Umwelt der Patienten ein ganz wichtiger Faktor. Wir versuchen deshalb, soweit es geht, die Angehörigen mit ins Boot zu holen.

Man hört immer wieder, dass der Zugang zu Therapieplätzen sehr schwierig wäre. Viel zu lange Wartezeiten, auch in Notsituationen. Was können Sie empfehlen, wenn schnelle Hilfe nötig ist?

In der Regel können wir Patienten, falls erforderlich kurzfristig stationär aufnehmen, notfalls auch am selben Tag. Damit es gar nicht zu einer Notsituation kommt, ist der übliche Weg der über den Hausarzt. Dieser kann an den zuständigen Facharzt oder die Ambulanz der Klinik überweisen. In manchen Fällen ist eine medikamentöse Behandlung ausreichend, in anderen Fällen ist es sinnvoll, einen Termin bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten/in zu vereinbaren. Hier gibt es aber oft längere Wartezeiten.

Wie lange dauert eine stationäre Behandlung im Durchschnitt?

In den letzten Jahrzehnten haben die stationären Behandlungszeiten immer weiter abgenommen. Mittlerweile liegen die Verweildauern zwischen drei und acht Wochen, bei schwereren Störungen auch länger.
Einen großen Fortschritt haben wir durch die Etablierung von Tageskliniken erlebt:  Hier stehen grundsätzlich dieselben Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, wie sie auch in der vollstationären Behandlung zur Anwendung kommen. Der Patient geht aber am Nachmittag wieder zurück in seine häusliche Umgebung und kann im eigenen Bett schlafen, was insbesondere bei leichteren Erkrankungen ein großer Vorteil ist. Voraussetzung ist die räumliche Nähe zu einer Tagesklinik.
Deshalb haben wir in Schwerin auch in umliegenden Orten wie Ludwigslust und Sternberg Tageskliniken für Psychiatrie und Psychotherapie gegründet.


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