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Seelische Gesundheit

Was tun, wenn aus dem Tick ein Zwang wird?

Kennen Sie das? Sie kontrollieren lieber mehrmals, ob die Haustür abgeschlossen oder der Herd abgeschaltet ist? Bei bis zu drei Prozent aller Erwachsenen entwickelt sich dieses Bedürfnis zu einem Zwang. Prof. Dr. Katarina Stengler erklärt, wo die Grenze zwischen unbedenklichen Angewohnheiten und einer Zwangsstörung liegt.  
Prof. Dr. Katarina Stengler, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig, ist eine renommierte Expertin für Zwangsstörungen. (Foto: Christian Hüller)

Frau Prof. Stengler, wo liegen die Ursachen für die Entwicklung einer Zwangsstörung?
Die Entstehung typischer Zwangssymptome ist von vielen Faktoren abhängig und ist meist auch mit der Entwicklung starker Ängste verbunden. Es kann eine neurobiologische Ursache vorliegen, wie beispielsweise eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Manche Betroffene haben genetisch bedingt ein höheres Risiko, Symptome zu entwickeln, weil ein Familienangehöriger ebenfalls erkrankt ist oder war.

Welche Rolle spielen die eigenen Lebensumstände?
Mögliche Ursachen und Bedingungen können auch in der individuellen Lebensgeschichte liegen. Das können ein traumatisches Lebensereignis oder mangelnde elterliche Unterstützung in wesentlichen Phasen der Kindheit und Jugend, einschließlich bestimmte Erziehungsnormen und –regeln sein. Hierzu gehören etwa übertriebene Sorge vor Keimen und Infektionen mit entsprechenden Wasch- und Reinigungsritualen.

Ab wann sprechen Sie von einem gesundheitlich bedenklichen Verhalten?
Die Grenze zwischen gesundheitlich unbedenklichem Verhalten und einer Zwangsstörung ist fließend und nicht klar abgrenzbar. Phänomene, wie das wiederholte Kontrollieren der abgeschlossenen Tür, können auch in einem gesunden Maß bestehen. Bei Personen, die erkrankt sind, hat dieses Ausmaß einen Grad angenommen, der das gesamte Leben, also den Beruf, die privaten Kontakte und vieles mehr, eingrenzt und zu starken Behinderungen und schließlich zur sozialen Isolation führt.

Zwanghaftes, ständiges Händewaschen gehört zu den häufigen Formen einer Zwangsstörung. (Foto: Pixabay)

Wie äußern sich krankhafte Zwänge?
Das Krankheitsbild ist ausgesprochen vielgestaltig – so gehören zum einen Zwangshandlungen dazu, wie ständiges Händewaschen, erhöhter Ordnungszwang oder das Sammeln und Horten von Gegenständen. Diese haben objektiv keinen Nutzen, sind subjektiv aber von sehr hohem Wert für den Betroffenen. Zum anderen können, parallel zu den Zwangshandlungen oder losgelöst davon, Zwangsgedanken auftreten. Das sind unangenehme Gedanken etwa über stark aggressive Handlungen. In über 80 Prozent der Fälle treten die Handlungen und Gedanken in Kombination auf.

Wer ist typischerweise betroffen?
Es ist nicht möglich, das Krankheitsbild auf eine definierte Zielgruppe zu beschränken. Der Großteil der Erkrankungen entwickelt sich im Kindes- und Jugendalter. Weniger als 25 Prozent der Betroffenen erkranken erst nach dem 25. Lebensjahr. 

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Das wichtigste bei einer Zwangsstörung ist, dass der Betroffene so früh wie möglich therapiert wird, denn die Behandlungsmöglichkeiten sind sehr gut. Am Helios Park-Klinikum Leipzig lernen Erkrankte durch praktische Übungen im Rahmen der Verhaltenstherapie, sich mit ihren Ängsten auseinander zu setzen. Zusätzlich wird entsprechend dem individuellen Krankheitsbild eine medikamentöse Therapie angewendet. In deutlich mehr als der Hälfte der Betroffenen, zeigt diese Behandlung eine gute und nachhaltige Wirkung.

Ist es möglich, eine solche psychische Erkrankung dauerhaft zu heilen?
Den Erkrankten ist es mit der richtigen Therapie möglich, einen normalen Alltag zu absolvieren und ein solides Berufs- und Sozialleben aufzubauen. Nach der Therapie können strapazierende Erlebnisse wie Prüfungssituationen eine Herausforderung für Betroffene sein. Während ihres Aufenthalts im Klinikum bereiten wir sie auf so einen Fall vor und sprechen Handlungsempfehlungen aus. Nicht selten benötigen Betroffene mittel- und langfristig ambulante Unterstützung – auch um problematische Lebenssituationen, in denen Zwänge wieder auftreten können, frühzeitig zu besprechen und einem akuten Krankheitsschub vorzubeugen.

Anlaufpunkt für die Seele

Prof. Dr. Katarina Stengler forscht seit vielen Jahren zum Thema Zwangsstörungen. Sie ist Mitglied der Expertengruppe der deutschen Behandlungsleitlinie zu Zwangserkrankungen und wurde 2018 vom Nachrichtenmagazin Focus als Top-Ärztin ausgezeichnet. Die Psychiatrische Institutsambulanz der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig ist der Einstiegspunkt in die Behandlung seelisch erkrankter Patienten. Behandelt werden psychiatrische Notfallpatienten und Patienten in seelischen Krisensituationen. Zur Webseite der Psychiatrischen Institutsambulanz.

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