Regionen
Nachrichten aus Ihrer HELIOS Region.

Frauenherzen

„Ich nehme die Patientin in ihrer Gesamtheit in den Blick“

Prof. Dr. Sandra Eifert hat am Herzzentrum Leipzig eine Herzsprechstunde für Frauen ins Leben gerufen. Sie will das Geschlecht bei Diagnose und Therapie koronarer Erkrankungen stärker betrachten. Ein Gespräch mit der Herzchirurgin über ihre Arbeit, die Verantwortung des Arztes und den Unterschied zwischen Männern und Frauen.
Frauenherzen schlagen anders. Deshalb müssen sie anders untersucht und behandelt werden. (Foto: Shutterstock)

Frau Prof. Eifert, Sie betreiben Mitteldeutschlands erste Frauenherzsprechstunde. Schlagen Frauenherzen anders?
Ja, das tun sie in der Tat. Frauenherzen sind durchschnittlich kleiner als die der Männer. Sie haben weniger Muskelmasse. Und sie schlagen in der Minute im Schnitt zehnmal schneller. Galten Herzleiden lange als typisch männliches Problem, sagen die statistischen Zahlen heute etwas anderes. Die Überlebensraten von Männern und Frauen bei Herzkreislauferkrankungen haben sich verbessert. Allerdings sind die Frauen stark benachteiligt.

Herzprobleme sind doch aber immer noch ein Problem des Mannes.
Es stimmt, so sind zwei Drittel der Patienten mit Herzgefäßerkrankungen weltweit nach wie vor Männer. Gleichzeitig ist die Sterblichkeit der Frauen, die erkrankt sind, etwa doppelt so hoch! Frauen haben sogar bis zu einem bestimmten Alter einen natürlichen, hormonell bedingten Gefäßschutz. Wenn sich der Hormonhaushalt nach der Menopause ändert, fällt dieser Schutz jedoch weg und die Erkrankungszahlen nehmen zu. Hinzu kommen bestimmte Begleiterkrankungen, die mit den normalen hormonellen Veränderungen einhergehen. Dazu gehören Diabetes mellitus oder Störungen im Fettstoffwechsel.

Gibt es weitere Unterschiede?
Nehmen wir den Herzinfarkt. Hier machen immer noch mehr Männer als Frauen einen akuten Herzinfarkt durch. Erleiden Frauen jedoch einen Infarkt, versterben sie viel öfter daran als Männer. Die Gründe dafür sind vielfältig und erstrecken sich von der Symptomatik bis zur Therapie. Dies beinhaltet auch die geschlechtsbezogenen Risikofaktoren. So sind Frauen beim ersten Infarkt häufig bis zu zehn Jahre älter als Männer und weisen dementsprechend mehr Vorerkrankungen auf.

Herzchirurgin Prof. Dr. Sandra Eifert behandelt Frauen in einer eigens eingerichteten Frauenherzsprechstunde. (Foto: Christian Hüller)

Wie macht sich der Herzinfarkt bei Frauen bemerkbar?
Frauen haben zum großen Teil die gleichen Beschwerden wie Männer beim Herzinfarkt. In einem gewissen Prozentsatz werden sie allerdings in diesem Fall „anders“ krank als Männer. Männer klagen oft über Brustenge und Schmerzen hinter dem Brustbein mit häufiger Ausstrahlung zum Arm. Frauen hingegen leiden an unspezifischen Symptomen wir Abgeschlagenheit, Oberbauchbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen. Das führt nicht selten dazu, dass die Behandlung später beginnt als bei den Männern. Über diese geschlechtsspezifischen Unterschiede möchte ich in der Sprechstunde und durch öffentliche Kommunikation sensibilisieren.

An wen richtet sich Ihre Frauenherzsprechstunde?
Angesprochen werden alle erwachsenen Frauen mit Verdacht auf eine Herz- und Gefäßerkrankung. Klassische Risikofaktoren sind Bluthochdruck, die Zuckerkrankheit – bei Frauen ein viel stärkerer Risikofaktor als bei Männern –, Rauchen und Fettstoffwechselstörungen. Darüber hinaus sind Frauen mit Komplikationen in der Schwangerschaft, wie Bluthochdruck, Zuckerkrankheit oder Schwangerschaftsvergiftung, und während der Geburt, etwa mit einer Herzschwäche oder Erkrankungen der Hauptschlagader, angesprochen. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt und müssen entsprechend vorbeugend behandelt werden. Das gilt ebenso für Autoimmunerkrankungen, Rheuma sowie für Patientinnen mit hormonabhängigen Erkrankungen oder HIV-Infektionen. Für die Vorstellung in der Sprechstunde reicht eine Überweisung vom Hausarzt.

Worauf achten Sie in der Sprechstunde jenseits biologischer Faktoren?
Es geht um den gesamten Menschen. Demografische und soziale Faktoren spielen eine verstärkte Rolle. Frauen kommunizieren zum Beispiel beim Arzt anders als Männer. Sie benötigen oft mehr Zeit und eine andere Gesprächsführung seitens des Mediziners, bevor sie zum Kern des Problems vordringen und damit rausrücken, wo der Schuh wirklich drückt. 

Ist das bei Männern anders?
Männer sind oft direkter und zielgerichteter, vielleicht auch selbstbewusster. Hier können sich Frauen einiges abschauen. Sie sind zwar oft die Gesundheitsmanagerinnen ihrer Familien, verdrängen selbst jedoch eigene körperliche Warnzeichen. Patientinnen dürfen auf ihren Körper und besonders ihr Herz hören. Um ein langes und möglichst gesundes Leben zu führen, sind sportliche Aktivität und gesunde Ernährung unerlässlich. Wenn Risikofaktoren bestehen, lade ich sie gern in meine Frauenherzsprechstunde ein.

Frauenmedizin auf dem Vormarsch

Bislang beziehen sich viele klinische Studien auf den Organismus von Männern. Diese Ergebnisse lassen sich auf Frauen jedoch nicht direkt übertragen. Gerade mit Blick auf die Medikation und den Zugang für Patientinnen ist die Frauenmedizin ein wichtiges Entwicklungsfeld in Deutschland. Die Frauenherzsprechstunde am Herzzentrum Leipzig ist in Mitteldeutschland einmalig. Weitere Informationen zur Terminvereinbarung gibt es hier.

Zum Internationalen Frauentag am Freitag, dem 8. März 2019, findet von 17:00 bis 18:30 Uhr im Hörsaal des Herzzentrums Leipzig eine Patientenveranstaltung zum Thema „Schlagen Frauen- und Männerherzen anders?“ statt. Interessierte sind herzlich eingeladen.

zurück zur Übersicht