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Herztransplantation und Kunstherzen

„Die Patienten sollen das bekommen, was für sie das Beste ist“

Im April 2019 tritt die Änderung des Transplantationsgesetzes in Kraft. Wir haben mit dem Leiter des Herztransplantations- und Kunstherz-Programms des Herzzentrums Leipzig, Prof. Dr. Diyar Saeed, über den Stand der Medizin und die beste Therapie von Herzschwäche-Patienten gesprochen.
Die optimale Versorgung ist Teamarbeit. Im Herzzentrum Leipzig werden jährlich knapp 4.000 Operationen am Herzen durchgeführt. (Foto: Dominik Wolf)

Herr Prof. Saeed, wann benötigen Menschen ein Herzunterstützungssystem?
Ein sogenanntes linksventrikuläres Herzunterstützungssystem, kurz LVAD, unterstützt die Herzleistung. Es wird bei Patienten eingesetzt, die eine terminale Herzinsuffizienz haben, also im letzten Stadium einer Herzschwäche sind. Wenn Medikamente nicht mehr helfen, kann ein Kunstherz eine Lösung sein. Es dient jedoch hauptsächlich als Überbrückung. Die größte Zahl der Patienten würde eigentlich von einer Herztransplantation profitieren. Aufgrund des Mangels an Organen geht dies oft leider nicht. Wenn sich die Patienten in einem kritischen Zustand befinden, werden hier die LVADs eingesetzt.

Hat sich diese Situation aufgrund des Organmangels verschärft?
In den letzten Jahren hat die Zahl der LVAD-Transplantationen die Zahl der Herztransplantationen weit überholt. Knapp 1.000 Herzunterstützungssysteme werden in Deutschland jährlich eingesetzt. 2018 wurden bundesweit hingegen nur 318 Herzen transplantiert. Gleichzeitig bekommen ältere Patienten Kunstherzen auch als finale Therapie, um ihre Lebensqualität zu verbessern. Ein sehr geringer Teil vor allem der jüngeren Patienten mit Herzmuskelerkrankungen erhält ein LVAD als Überbrückung zur Erholung.

Wie funktioniert das Leben mit einem künstlichen Herz?
Die Kunstherzsysteme sind sehr gut entwickelt. Sie können jemanden beim Einkaufen treffen, der eine kleine Tasche trägt und sie merken nicht, dass er ein Kunstherz hat. Das Gerät ist geräuschlos, die Patienten haben in der Regel eine relativ gute Lebensqualität. Sie sind zuhause und es geht ihnen deutlich besser als vor dem Eingriff. Die Patienten können sich wieder belasten, Fahrradfahren, gemäßigt Sport treiben. Allerdings dürfen sie nicht schwimmen und baden, da aus dem Körper ein Kabel austritt über das die Stromversorgung der Pumpe läuft. Diese Stelle muss einmal in der Woche steril verbunden werden damit sie sich nicht infiziert. Aktuell gibt es leider noch keine gute Lösung für ein kabelloses Kunstherz etwa über W-LAN.

Wie lang können die Betroffenen mit einem Herzunterstützungssystem leben?
Wichtig ist, dass der Patient regelmäßig Blutverdünnungsmittel nimmt, um einen Schlaganfall und Blutgerinselbildung zu vermeiden. Er muss das Pumpenkabel einmal pro Woche verbinden und den Blutdruck unter Kontrolle halten. Wenn er sich sorgfältig um diese drei Bestandteile seiner Therapie kümmert, dann kann der Kunstherzpatient mehrere Jahre mit seinem LVAD leben. Allerdings kommen viele Betroffene mit verschiedenen Beschwerden wieder ins Krankenhaus. Die Überlebenschance ein Jahr nach der OP liegt bei 80 bis 90 Prozent.

Prof. Dr. Diyar Saeed leitet seit Oktober 2017 das Herztransplantations- und Kunstherz-Programm des Herzzentrums Leipzig. (Foto: Christian Hüller)

Was ist das Besondere an einer Kunstherz-OP?
In Leipzig operieren wir in der Regel minimal-invasiv, das heißt mit kleinen Schnitten. Unsere Patienten erholen sich dadurch sehr schnell und werden so auch wieder schneller aus dem Krankenhaus entlassen. Technisch gesehen ist die Operation nicht schwerer als eine Bypass-OP. Wichtig ist das Management im Vorfeld. Wir entscheiden in einem Team aus Herzchirurgen, Kardiologen und Anästhesisten gemeinsam mit dem Patienten, was die beste Therapieform für ihn ist. Das kann eine konservative Behandlung, ein Kunstherz oder die Herztransplantation sein. Im Fall einer geplanten Operation wird der Patient optimal darauf vorbereitet und durch unsere geschulte Intensivüberwachungspflege betreut.

Wann ist eine Herztransplantation unausweichlich?
Die Transplantation ist bei der Therapie der terminalen Herzinsuffizienz der Goldstandard! Sie ist bei weitem besser als das Kunstherz, da die Lebensqualität deutlich besser ist und die Leistungsfähigkeit des Herzens wiedergewonnen wird. Allerdings fehlen die Organe. Internationale Daten zeigen, die Hälfte der Patienten, die eigentlich eine Herztransplantation bekommen müssten, haben heute ein Kunstherz. Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Spenderzahlen verbessern.

Welchen Einfluss hat das neue Organspendegesetz?
Ich denke, die finanzielle Unterstützung der Krankenhäuser und die Freistellung von Transplantationsbeauftragten für diese wichtige Aufgabe, wird die Zahl der Organspenden positiv beeinflussen. Denn so funktioniert es in Spanien, den Niederlanden und anderen Ländern. Allein die Diskussion um die Widerspruchslösung ist gut, da wir sehen, dass die Zahl der Transplantationen im letzten Jahr gestiegen ist. Wenn alle Menschen einen Spenderausweis hätten, wäre das Problem deutlich kleiner.

Transplantations-Experte in Leipzig

Ausbildung am Herzzentrum Bad Oeynhausen, der Cleveland Clinic und der Northwestern University in Amerika sowie der Uniklinik Düsseldorf. Der gebürtige Kurde aus dem Irak Prof. Dr. Diyar Saeed hat sich einen internationalen Ruf als Kunstherzspezialist aufgebaut. Seit Oktober 2018 leitet der 41-Jährige das Herztransplantations- und Kunstherz-Programm am Herzzentrum Leipzig. Als leitender Oberarzt für Herzchirurgie widmet er sich Patienten mit Herzschwäche und koordiniert ein Team aus Ärzten, Transplantationskoordinatoren und spezialisierten Pflegekräften.

Das Herzzentrum Leipzig ist eines der führenden Transplantationszentren in Deutschland. Der aktuelle Krankenhausplan des Freistaates Sachsen weist das Haus als Zentrum mit Transplantationsprogrammen für Herz und Lunge aus. Derzeit werden in Leipzig über 200 Patienten mit Kunstherz überwacht. Nach aktuellen Statistikdaten benötigen in Deutschland jährlich etwa 6.500 Menschen ein Herzunterstützungssystem oder eine Herztransplantation. Mehr zum Transplantationszentrum in Leipzig finden Sie hier.

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