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Stralsund

„Wir müssen den Patienten bis an seine Grenzen heran führen“

Dr. Gerd Franz Triebenecker ist einer von wenigen Theatertherapeuten bundesweit. Er entwickelt gemeinsam mit psychisch erkrankten Kindern, Jugendlichen, aber auch Patienten der Forensischen Psychiatrie Theaterstücke und führt sie dann vor Publikum auf. Dabei steht er im Spannungsfeld von Vertrauen, professioneller Distanz und
Patienten der Forensischen Psychiatrie bei ihrer Aufführung „Die sieben Todsünden“. Foto: Mathias Bonatz

Worin liegt die Herausforderung, mit Patienten zu arbeiten?

Ich weiß gar nicht, ob es eine besondere Herausforderung gibt, es gibt nur besondere Chancen. Sie machen den Reiz und die Spannung aus. Und dass man in einer deutlich existentielleren Art und Weise Theater spielt als in anderen Kontexten.

Was macht die Theatertherapie aus?

Theater lebt davon, dass es Fehler ermöglicht. Es schafft einen Perspektivenwechsel, stärkt die Imaginations- und Mentalisierungsfähigkeit. Beim Theaterspielen muss in Alternativen gedacht und feste Strukturen aufgesprengt werden. Das alles schließt mit dem Auftritt und erzielt in der Rückwirkung seinen therapeutischen Effekt. Die Patienten ermächtigen sich selbst, anderen etwas zu schenken. Das ist für viele das erste Mal. Das sind ganz intensive, aber auch zugleich gefährdete Momente. Diese Gefährdung ist eben auch eine besondere Qualität des Theatermachens mit Patienten. Nicht zuletzt spielt der Applaus als Zuwendung eine besondere Rolle.

Wie entstehen die Stücke?

Meistens gehen ich und eine Choreographin mit einer gewissen Grundidee in das Projekt, aber die Texte entstehen erst mit den Patienten. Und hier gilt: Im Notfall hat der Patient Recht. Er steht auf der Bühne, nicht ich. Ich habe natürlich eine ästhetische Konstruktion im Kopf, aber ich muss auch permanent bereit sein, andere Lösungen zu finden. Das ist gleichzeitig eine Chance, um neue Dinge entstehen zu lassen.

Der Patient wird also zu nichts gezwungen?

Nein, auf keinen Fall. Der Unterschied zu einem avancierten Profitheater ist: Bevor es irgendjemandem gefällt, muss es dem Patienten nutzen. Ich muss ihn natürlich ganz nah an seine Grenzen heranführen und trotzdem die Freude am Spielen vermitteln. Klar streitet man sich auch, aber es muss insgesamt ein positives Grunderlebnis bleiben.

Dr. Gerd Franz Triebenecker (56) hat in den 1980er Jahren als Lokführer bei der Bahn gearbeitet und später in Leipzig und Berlin Theater- und Kulturwissenschaften studiert. Seit 1996 ist er beim Kreisdiakonischen Werk und seit 2018 am Helios Hanseklinikum Stralsund tätig. Dr. Triebenecker kann auf 20 Jahre Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung und psychisch erkrankten Patienten zurückblicken.

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