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Neu in Berlin: Elektrophysiologie

Was erregt unser Herz?

Es schlägt und schlägt und schlägt – unermüdlich. Doch warum zieht sich unser Herz im Ruhezustand 60 bis 80 Mal pro Minute zusammen?
Dreidimensionale Rekonstruktion des linken Vorhofs bei einer Vorhofflimmerablation/ HELIOS Klinikum Emil von Behring

Im Interview erläutert Oberarzt Dr. med. Tobias Polch, verantwortlich für den kürzlich in der Klinik für Innere Medizin I Kardiologie im HELIOS Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf  neu errichteten Fachbereich Elektrophysiologie, welche Rolle das sogenannte Reizleistungssystem des Herzens  spielt, was passiert, wenn es zu Rhythmusstörungen kommt, und wie moderne Katheterverfahren nebenwirkunsgreiche Herzrhythmusmedikamente ersetzen können. 


Dr. Polch,  Sie sind als Rhythmologe Spezialist für die Abläufe im Herzen, die es schlagen lassen. Wie kommt der regelmäßige Herzschlag überhaupt zustande?


Alle Zellen des Herzens sind grundsätzlich elektrisch aktiv. Es gibt an einigen Stellen im Herzmuskel aber spezielle Taktgeber, die für den geordneten Ablauf der elektrischen Erregung sorgen, in deren Folge sich das Herz regelmäßig und situationsentsprechend zusammenzieht und Blut auswirft. Seinen Ursprung nimmt der normale Herzrhythmus im Sinusknoten am Dach des rechten Vorhofs. Von dort gelangt die Erregung über die Vorhöfe zum AV Knoten. Er fungiert wie ein Torwächter, den alle elektrischen Impulse passieren müssen, um über das sogenannte His-Bündel und die Tawara-Schenkel in die beiden Hauptkammern zu gelangen. Erst dort löst das die eigentliche Pumpfunktion des Herzens aus. Diesen geordneten Ablauf nennen wir spezifisches Reizleitungssystem.

Was passiert im Herzen, wenn es aus dem Takt gerät?

Der normale – gesunde – Rhythmus gerät dann durcheinander, wenn andere als die dafür eigentlich vorgesehenen Gewebeabschnitte schnellere Erregungsimpulse senden  und so dem normalen Takt „dazwischenfunken“. Bekannte Formen sind beispielsweise Vorhofflattern und Vorhofflimmern. Bei letzterem durchlaufen die Vorhöfe chaotische Erregungswellen mit Frequenzen über 350 pro Minute. Ebenso kann es zu einzelnen Extraimpulsen (Extrasystolen) oder kreisenden Erregungen kommen, die von einer Kurzschlussverbindung zwischen den Vorhöfen und den Kammern verursacht werden.
Lebensbedrohlich können insbesondere schnelle Rhythmusstörungen aus den Hauptkammern sein.

Wie spüren Betroffene, dass ihr Herz nicht normal schlägt?

Wenn es normal arbeitet, spürt man das Herz in der Regel nicht. Rhythmusstörungen nehmen Betroffene dagegen als Herzstolpern, Aussetzer oder Herzrasen wahr. Manchmal bemerken Patienten vorliegende Rhythmusstörungen nicht  - wir raten darum, öfter mal den eigenen Puls zu messen.

Wie findet man die Ursache für die Störungen des Herzrhythmus?

Das Elektrokardiogramm (EKG) ist das erste Untersuchungsverfahren. Anhand der 12 Kurven, die über Elektroden am Körper aufgezeichnet werden, sehen wir ob und welche Rhythmusstörung vorliegt und von wo die falsche Erregung ungefähr ausgeht. In unserem neuen elektrophysiologischen Labor, das mit minimaler Röntgenstrahlendosis während der Untersuchung auskommt, können wir uns ein noch präziseres Bild machen. Über die Leistenvenen der Patienten führen wir dünne Katheter bis zum Herz vor. Damit können wir den Ausgangsort und Ablauf einer Rhythmusstörung identifizieren.  Wir erstellen auf dreidimensionaler Magnetbasis dabei eine Art Landkarte des Herzens (3D-Mapping), die uns farblich kenntlich macht, wo Rhythmusstörungen ihren Ursprung nehmen und wo entlang diese laufen.

Welche Therapien helfen?

Unseren Patienten können wir mit einer Ablation helfen. Dabei veröden wir entweder mit Hitze oder mit Kälte den Bereich am Herzmuskel, der für die Störung verantwortlich ist. Diese Therapie ist schonender und nachhaltiger als die mit Medikamenten, die oft eine Vielzahl an Nebenwirkungen mit sich bringen. Der Eingriff dauert je nach Art der Rhythmusstörung zwischen 30 Minuten und drei Stunden. Danach erübrigen sich  oft Rhythmus-Medikamente.

Wie erfolgversprechend sind moderne Methoden, um den Herzschlag zu normalisieren?

Das hängt von der Rhythmusstörung selbst sowie den zugrunde liegenden Erkrankungen der Betroffenen ab. Bei anfallsartigen Rhythmusstörungen wie der AV-Knoten-Reentrytachykardie, dem WPW-Syndrom oder typischem Vorhofflattern liegen die Erfolgsraten bei deutlich über 90 Prozent. Bei Vorhofflimmern, eine wesentlich komplexere Rhythmusstörung, liegen wir im Bereich von 50 bis 80 Prozent.

Welche Risiken bestehen, wenn Rhythmusstörungen nicht behandelt werden?

Bei Vorhofflattern und Vorhofflimmern ist das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, erheblich erhöht, weil sich im Herzen Blutgerinnsel bilden können, die wichtige Gefäße im Hirn verschließen können. Vorhofflimmern ist für 20 bis 30 Prozent der Schlaganfälle verantwortlich – mit zum Teil schlimmen Folgen.
Ein unregelmäßiger oder zu schneller Herzschlag kann außerdem eine Herzschwäche hervorrufen, die die Lebensqualität beeinträchtigt und das Leben beträchtlich verkürzen kann. Unbehandelt können Rhythmusstörungen auch zu einem plötzlichen Herztod durch Kammerflimmern führen.
In den letzten 20 Jahren hat sich die Elektrophysiologie auch dank der technologischen Fortschritte zu einem segensreichen und etablierten Verfahren entwickelt. Die Risiken eines Eingriffs sind gering, weshalb sich jeder, der unter Rhythmusstörungen leidet, von Herzrhythmusspezialisten beraten lassen sollte, welche Möglichkeiten für ihn in Frage kommen.

Kontakt:

HELIOS Klinikum Emil von Behring
Klinik für Innere Medizin I Kardiologie
Chefarzt Prof. Dr. med. Adrian C. Borges
Fachbereich Elektrophysiologie
Oberarzt Dr. med. Tobias Polch
Walterhöferstr. 11
14165 Berlin- Zehlendorf
Telefon: (030) 81 02-1943
E:Mail

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